Warum Soziale Kybernetik? (V.2)
Mittwoch, Januar 16th, 2008-
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Zum Entwurf einer Disziplin der Zukunft
Anstelle einer Vorbemerkung möchte ich mit einigen Feststellungen beginnen, die es erleichtern, meine Auffassung von Sozialer Kybernetik als Wissenschaft ein- und abzugrenzen. Damit sollen mögliche Missverständnisse verhindert werden.
Ad negativum ist zu bemerken, dass sich Soziale Kybernetik nicht als eine Technologie versteht - anders als viele Versuche, eine „kybernetische Soziologie“ zu positionieren, die darunter überwiegend Instrumente der Zielgruppenmanipulation verstehen. Auch strebt Soziale Kybernetik keine methodisch begründete Schaffung des „gültigen“ oder „objektiven“ Wissens über eine „real existierende“ Gesellschaft an. Vielmehr versteht sich Soziale Kybernetik als reine Aufklärungswissenschaft, die realisierbare (ein Kybernetiker würde sagen „viable“) Modelle der Vergesellschaftung auf der Grundlage von Selbstorganisation, Autonomie und Kommunikation anstrebt.
Soziale Kybernetik erforscht und begründet vor allem jene gesellschaftlichen Entwürfe, die autonome Orientierung auf der Basis individueller Wirklichkeitskonstruktion ermöglichen könnten. Dies kann nur in einem potenzialorientierten kommunikativen Konsens gewährleistet sein.
Mit dem Ansatz einer interdisziplinären Meta- bzw. Aufklärungswissenschaft grenzt sich Soziale Kybernetik gegenüber jener verfahrensgestützter Wissenschaften ab, die Erkenntnis als Technologie verstehen. Sie begründen kommunikatives Handeln, das Regeln, Verfahren oder Begriffe voraussetzt, womit Geltungen geschaffen und aufwändig aufrechterhalten werden. Aufgrund der Absprachen weniger Eingeweihter (sog. Experten) untereinander, die Wirklichkeit zweckbetont präparieren, schreiben sie ihr Objektivität vor. Aber auch im Gegensatz zu vielen anderen Ansätzen, systemzentrierte Gesellschaftslehre zu etablieren (z.B. die von Luhmann), vertritt Soziale Kybernetik eine subjekt- und daher orientierungszentrierte und nicht system- und geltungszentrierte Betrachtung von Gelellschaft. Sie geht davon aus, dass ausschliesslich autonome Orientierung jede sinnvolle Erkenntnis legitimiert bzw. dass orientierungsentfremdete Erkenntnis weder konsequent möglich noch – als humane Erkenntnis – sinvoll ist.
Eine nicht-technologische Wissenschaft
In Bezug auf Vergesellschaftung werden „empirische Verfahren“ (wie bspw. statistische Erhebungen) i.d.R. als Instrument der zweckbasierten Handhabung von objektivierten Subjektkonstanten (Zielgruppen, Medien oder einzelne Individuen) genutzt. Neben der zweifelhaften „Objektivierbarkeit“ der Subjektkonstanten (die ihre „Realität“ ausmachen soll) ersheint der Objektivitätsanspruch der Erhebungen auch überzeugten Empirikern bedingt glaubwürdig. Bezogen auf Gesellschaftsforschung, findet dies z.B. im Geltungsbereich gängiger Managementtheorien oder im wirtschaftlichen Kontext der institutionellen Kommunikatinspraxis (Unternehmenskommunikation, PR, Werbung) Anwendung. Empirie wird dort schliesslich damit begründet, dass lediglich Fachwissenschaftler, die Verfahren –Manipulationsregeln aufgrund der konsensfähigen Beobacherabsprachen – beherrschen, die sie Methoden nennen, sowie Werkzeuge oder Infrastrukturen besitzen (Labors, Hierarchien, Aufmerksamkeit), „objektive“ Erhebungen gewährleisten können. Damit wird bestenfalls Geltungswissen gesichert, aber keine orientierungsrelevanten Erkenntniswerte.
In mittlerweile zahlreichen Untersuchungen zur kybernetischen Epistemologie ist indessen einleuchtend begründet, warum eine evidenzbasierte „Interface-Wahrheit“ mehr Bedingungen produziert als sie Aufklärung stiftet. Als postulierte Grundlage der analytischen Wissenschaften, die Evidenzwirklichkeit nach dem Interfaceprinzip zerteilen (um diese als intersubjektive Geltungswirklichkeit wieder aufwändig – u.a. mithilfe von Mathematik – zurecht zu konstruieren), vermag sie in einer komplexen Welt bestenfalls als systemisch gestützte Technologie der extensiven Wirklichkeitsstabilisierung, aber zunehmend weniger als Erkenntnis- oder Orientierungsgrundlage gelten. Das Objektheit-Prinzip, wenn es in den Grenzen wahrnehmbarer Interface-Extremen postuliert wird, wird zu einem Geltungssystem, das trotz der relativen Stabilität anthropogener (menschlicher) Lebenswelt, eine radikale Abkoppelung von jener Erkenntnisse erfährt, die mit der wesentlich nicht-trivialen Welt der ontischen Determinanten (der Welt als Ganzen) korellieren. Trotzdem bleiben wir als Menschen – trotz der Abschottung durch weitgehend hermetische Wirklichkeitskonstruktion – vor allem dank eigener ontosomatischen (biologischen) Beschaffenheit in stetiger Verbindung.
Es bleibt weitgehend ambivalent, ob die menschliche Lebenswelt eine tendeziell unabhängige – und dacher technologische – Wirklichkeitskonstruktion oder den Einklang mit der „Welt als Ganzen“ (auf der Grundlage ihrer Potenzialität) anstreben soll. Aus diesem Grund verbleibt die Offenheit gegenüber der Erkenntnis der Nichttrivialität existenziell begründet. In beiden Fällen bleiben wir bei der Wirklichkeitskonstruktion. Nur können wir zwischen konsequenter Ignoranz gegenüber dem Nichttrivialen (mit der zunehmenden Radikalität systemisch-konstruktiver Trivialisierung des Handelns) und dem Versuch wählen, die Konstruktion aufgrund der Erkenntnisoffenheit in unsere Wirklichkeit (mit allen ihren Chancen und Gefahren) hineinfließen zu lassen. Der letztere Weg – der Weg der Orientierung oder der sog. synthetischen Erkenntnis – würde unsere Subjektivität von Verstümmelung durch Orientierungsverlust emanzipieren. Möglicherweise wäre unsere Lebenswelt nicht länger der Zwangswirklichkeit der Geltungssysteme mit ihren aufwändig konstruierten Feindschaften (ob gegenüber Urgewalten oder in Form von Konkurrenzverkörperung) ausgeliefert. Eine Vergesellschaftung ohne machtbasierte Geltungssysteme müsste ausserdem nicht zwingend in subjektfeindlicher Systememergenz ausarten.
Der wesentliche Punkt der angedeuteten Ambivalenz (zwischen Erkenntnis, die aus individueller Orientierung schöpft und die Nicht-triviale Welt offen lässt, und einer Erkenntnistechnologie, die mittels Geltungen hermetische Wirklichkeit produziert) ist der Stellenwert des Individuums, das folgendes Vergesellschaftungs-Dilemma offenbart: Reicht die Orientierungspotenzialität (die Erkenntniskraft des sich orientiernenden Subjekts), der sich nur insofern vergesellschaftlichen lässt, als dieses seine Orientierungspotenzialität schützt, um zu bestehen, oder sollte sich das Individuum in einem geltungszentrierten Vergesellschaftungssystem auflösen und als Person (Antiebsdonor) die nachhaltige Geltungsemergenz sichern? Beide Modelle erscheinen viabel, aber schwer verifizierbar und haben deshalb den Status eines Entwurfs. Die Menschheit soll sich bald für eins entscheiden.
Ich neige dazu, auf dem zweiten Wege der Vergesellschaftung gegenüber der ontosomatischen Entropie zu bestehen, weil ich mir mittlerweile sicher bin, dass jene Nichttrivialität uns sowohl von außen als auch von innen unaufhaltbar zerstören wird, wenn ihre Legitimität weiterhin unter dem Vorwand des naiv-realistischen Objektivismus und der methodologischen Trivialitätszwang ignoriert wird. Diese scheinen ihre Funktion als Erkenntnis- und Kommunikationskrücken erfüllt zu haben. Aus meiner Sicht, sollten wir es weitgehend vermeiden, eine naiv-triviale Wirklichkeit missverständlich „Realität“ zu nennen, die nach wie vor eine auf der Grundlage gewaltsam geschützter Geltungen, die Objektivität, Zeit, Kausalität und Analysierbarkeit suggeriert. Möglicherweise hält uns eben diese „Realität“ (die sklavisch gerne als hart und ungerecht gilt) uns von der potenziell nachhaltigeren und tendenziell eher lebenswerteren Welt dramatisch fern.
Der verkannte Orientierungsantrieb
Kybernetische Erkenntnistheorie geht davon aus, dass eine Erkenntnis überhaupt nur individuell sein kann, lediglich dann ist sie orientierungsrelevant. Denn eine kommunizierte Erkenntnis ist zwingend verfahrensbasiert, sofern sie eine Absprache nach bestimmten Regeln voraussetzt. Eine Verständigung unter Erkennenden kommt ohne Verfahren, die Regeln voraussetzen, nicht zustande. Tatsächlich werden die Regeln von Sprache mit ihrer tradierten grammatisch-semantischen Struktur, von Abspracheregeln ggf. von früheren Absprachen determiniert, sonst ist keine konsistente Verständigung möglich. Ausserdem dient eine gemeinsame (also koordinierte, verständigungsintensive und somit soziale) Erkenntnis nur kurzfristigen Zielen. Für die gemeinsame Herstellung von Gegenständen mag eine solche Erkenntnis von Vorteil sein. Für gemeinsames Abwehr gegen vermeintliche Feinde (sei es Naturgewalt oder andere Menschen) ist sie unabdingbar. Aber was hat eine solche Erkenntnis, die erst hoch selektiv zweckrelevante Zusammenhänge kommuniziert, die kurzfristig für eine gegenseitige Handlungskoordination relevant erscheinen, mit Orientierung? (more…)